emden09

nie angepasst

Nach Freiheit fragt Ihr?*

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Eine längere Geschichte – sozusagen als Einleitung. Wir betreiben ein AirBNB – zwei Zimmer, in unserem Haus. Diese Zimmer wurden früher von meinen Kindern bewohnt. Wohnzimmer, Küche, Bad. Keller, Garage, Garten, Parkplätze dürfen von den Gästen mitbenutzt werden. Also eine Art AirBNB mit Familienanschluss. Dort wohnt eine junge Frau, die sich letztes Jahr und auch dieses Jahr mehrfach für jeweils einen Monat bei uns einmietete. Das erste Mal: sie hatte sich von Ihrem Freund getrennt. Im Wesentlichen, weil der keine Kinder haben wollte – wie sie sagt. Bei einem der folgenden Mietverhältnisse: Sie hat die Chance für mind. ein Jahr nach Übersee (23 Flugstunden von hier) zu gehen und ihren Beruf dort auszuüben. Sie wurde von dort angefragt. Wow, die Ehre, dass jemand aus dem Ausland gefragt hat, ob ich nicht dort für ihn arbeiten will, wurde mir nie zuteil.

1973. Ich bin gerade mal 10 Jahre alt. Die Eltern fragen uns, ob wir uns vorstellen können, für einige Zeit mit Ihnen in die USA zu gehen. Mind. ein Jahr. Vielleicht auch mehr. Die Großeltern hatten uns Angst gemacht. Es gäbe dort „Indianer“, die uns fangen und „an den Füßen aufhängen“ und foltern würden, bis wir tot seien. Warum sollten wir den Großeltern misstrauen? Mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich entscheiden uns gegen den Umzug in die USA. Die Eltern respektieren das. Wir bleiben in Deutschland.

Diese zuletzt erzählte Geschichte habe ich unserer jungen Mieterin erzählt. Auch um ihr zu erklären, warum für mich die Entscheidung eigene Kinder haben zu wollen auch eine Entscheidung gegen meine individuelle Freiheit war, die mir damals 1992 schwerfiel – als ich in meinem Leben an jener Weggabelung im Leben stand, wo sie mit ihrem Freund letztes Jahr angekommen war. Und natürlich um sie zu ermutigen, das Angebot für ein Jahr in Übersee unbedingt zu anzunehmen. (Sie hatte nach unserem Rat gefragt, sonst hätten wir wohl gar nichts dazu gesagt.)

Am Samstag in dieser Woche wird sie bei uns ausziehen und wir werden sie mindestens ein Jahr nicht wiedersehen. Meine Kinder sind längst erwachsen. Aber ich würde nicht so weit von ihnen weg sein wollen. Nicht einmal von meinen Eltern, die 220 km entfernt wohnen, wollte ich für so lange Zeit mehr als ein paar wenige Reisestunden entfernt sein wollen.

Ich schränke also meine Freiheit, freiwillig ein. Zu Gunsten von was?

Ich denke es ist vergleichsweise einfach. Ich schränke meine Freiheit freiwillig ein, zu Gunsten der Bequemlichkeit. Meiner Bequemlichkeit in meiner Beziehung zu anderen Menschen (in diesem Fall meinen Kindern/Eltern).

Absolute Freiheit wäre also für mich, jede Entscheidung, jederzeit treffen zu können, ohne mit den Konsequenzen leben zu müssen (Beamen, das wärs doch 😉 ). Diesen Satz habe ich mit 20 anders formuliert: „Freiheit: Jeder, kann jederzeit, jede Entscheidung treffen, wenn er bereit ist, mit den Konsequenzen zu leben“.

Ja, es ist mir bewusst, was für ein Scheiß-Luxus meine Art Freiheit zu erleben ist.

  1. (Fast) Keine finanziellen Zwänge und Abhängigkeiten: Geld werde ich mit meinem Know How jederzeit überall auf diesem Planeten verdienen können (das ist meine feste Überzeugung).
  2. Kein Hunger oder Durst.
  3. Keine staatlichen Institutionen, kein römischer Kaiser, mittelalterlicher Lehnsherr, Warlord, Revolutionswächter oder Diktator, der über mein Leben bestimmen könnte.
  4. Nicht einmal ein General, Hauptmann oder Vorgesetzter der mir Befehle geben könnte, denen ich zu gehorchen hätte.

Ja, die aufgezählten Beispiele zeigen, an wie vielen Orten, für wie viele Menschen dieser Welt, die Freiheit viel stärker eingeschränkt ist, als meine Freiheit.

Ja, meine Freiheit lebe ich auf Kosten sehr vieler dieser Menschen. Ich kann nicht in einem der reichsten Länder der Welt in Freiheit leben und gleichzeitig Brecht ignorieren.

Reicher Mann und Armer Mann, standen da und sahn sich an und der Arme sagte bleich: wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich.

In meiner Stadt kann ich nicht in kein einziges Geschäft gehen, indem ich nicht Güter kaufen würde, welche die Freiheit anderer Menschen auf der Welt einschränken. Ich rede jetzt nicht von den ganz offensichtlichen Möbeln, die mit 1-Euro-Jobs produziert werden, Klamotten aus Kinderarbeit, Mobiltelefonen und anderer Elektronik mit Rohstoffen aus Sklavenarbeit. Nicht von den Zinsen auf mein Sparbuch oder meinen Rentenvertrag, die mit Hilfe von weltweit frei zirkulierendem Kapital und frei zirkulierenden Gütern zu Lasten von Menschen erwirtschaftet werden, die nicht frei sein dürfen. Nicht frei über die ganze Welt „zirkulieren“ dürfen.

Nein, nicht einmal in den Hofladen des Bio-Bauernhofes kann ich einkaufen gehen, ohne die Freiheit anderer Menschen auf diesem Planeten zu beschneiden. Selbst wenn ich dort einen Liter Bio-Milch oder ein Kilo Bio-Getreide kaufe, bewirke ich damit Unfreiheit für andere. Für den Liter Milch, das Kilo Getreide aus konventioneller Landwirtschaft, das ich nicht kaufe, subventioniert nämlich der Staat, in dem ich lebe, konventionell wirtschaftende Landwirte, welche einen Liter Milch bzw. einen Liter Getreide weniger (an mich) verkaufen. Die so subventionierten Überschüsse an Milch- und Getreideprodukten wandern dann in Länder (z.B. in Afrika) mit denen mein Land sogen. „Freihandelsabkommen“ geschlossen hat. Die dortigen Landwirte können gegen die Billigpreise unserer subventionierten Lebensmittel nicht anstinken und verlieren ihre bäuerliche Existenz.

Auch im Internet kann ich kein Produkt kaufen, das ohne die Einschränkung der Freiheit anderer Menschen zu mir gelangen würde. Und sei es am Ende der Paketbote, der statt Mindestlohn in Akkordarbeit Pakete zustellen muss. Da helfen auch recyclebare oder mehrfach benutzbare Verpackungen nicht.

Ich kann meine Freiheit in diesem Land gar nicht so weit einschränken, dass ich nicht gleichzeitig zur Unfreiheit anderer, anderswo beitragen würde. Sobald ich den Wasserhahn öffne, Wasser aus einem sauberen Bach trinke oder auch nur einen sicheren befestigten Weg benutze, nutze ich Vorteile, die die Gesellschaft in meinem Land mir zu Lasten der Freiheit von Menschen in anderen Gesellschaften bereitstellt.

Was also bedeutet diese Scheiß-Luxus-Freiheit, die ich in diesem Land genieße für mich?

Sie bedeutet, dass ich mich verpflichtet fühle.

Ich fühle mich jeder Person verpflichtet, die aus den Verhältnissen der Unfreiheit flieht, die mein Konsum, meine Freiheit unweigerlich verursacht.

Ich fühle mich verantwortlich, dass diese Person nicht in (ja sagen wir es ruhig wie es ist) Konzentrationslagern in irgendwelchen Failed-States wie z.B. Libyen oder Tunesien verrottet, vergewaltigt und erpresst wird.

Ich fühle mich verantwortlich, dass diese Person nicht auf ihrer Flucht vor der von mir mit-verursachten Unfreiheit, in der Wüste verdurstet oder im Meer ertrinkt.

Ich fühle mich verantwortlich, dass diese Person am Ende ihrer Flucht, in unserem Land angekommen, nicht von Behörden schikaniert, um ihr Asylrecht betrogen oder von Nazi-Dummköpfen erschlagen wird.

—-

*Danke Astrid und Mario für Eure #BlogparadeFreiheit und die Möglichkeit mich in diesem Konztext zu äußern.

Written by emden09

09.08.2018 um 13:45

Eine Antwort

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  1. Danke für den Text. Allerdings würde ich gerne anmerken, dass „wir“ nicht alleine schuldig sind an der Unfreiheit vieler. Eine viel größere Schuld tragen Institutionen, welche den Krieg in diese Regionen tragen. Eine große Schuld tragen auch unsere Medien, welche diese Umstände und Zusammenhänge nicht in gebührendem Maße recherchieren und berichten – oder schlimmer noch: weitere Kriege bewusst oder unbewusst heraufbeschwören.
    Wir müssen uns unabhängiger informieren – das ist unsere „Schuld“. Gerade auch im Hinblick auf die oben genannten Kriege. Hier ein sehr guter Artikel, welche eigentlich von allen Medien in Deutschland aufgegriffen werden sollte, damit „wir“ endlich wissen, wer für die meisten Kriege weltweit verantwortlich ist: https://www.nachdenkseiten.de/?p=45368

    Gefällt mir

    Anonymous

    10.08.2018 at 08:53


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