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Essen ist Rassismus

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Da ist dieser Polizist Daniel Nivel bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich. Er wurde von einem Deutschen so zusammengeschlagen, dass er bis heute unter körperlichen Behinderungen (halbseitige Lähmung) leidet. Ich schreibe bewusst: „von einem Deutschen“, nicht von einem Deutschen „Hooligan“ oder Deutschen „Ultra“ oder Deutschen „Fußballfan“. Genau das ist nämlich schon eine der Differenzierungen, die uns bei der Diskussion um die Tafel in Essen und ihren Vorstand längst verloren gehen.

Dabei könnte man evtl. aus dieser Geschichte eine sehr schöne Parabel machen, wenn man sich klar macht, dass es in Frankreich rechtsradikale Hooligans waren, die Nivel zum Krüppel prügelten. Dass einer der Haupttäter nach VIER Jahren im Französischen „Luxusknast“ wegen „guter Führung“ entlassen wurde, würde die Parabel schön abrunden. Zudem evtl. ein Hinweis, dass vier der damaligen sechs Täter in Essen verurteilt wurden (also wohl von dort stammen).

Wie also, wenn Frankreich seinerzeit entschieden hätte, zukünftig keine Tickets für Fußballspiele mehr an Deutsche zu verkaufen und Deutsche nicht mehr in französischen Stadien zu lassen? Wie hätte wir das empfunden? Als Sippenhaft? Als Grenzrassimus? Welche Form hätten die Diskussionen um diese Art Sippenhaft, um diesen Grenzrassismus angenommen, wenn Frankreich nicht nur Deutsche sondern (wie in Essen geschehen) Ausländer allgemein für den Vorfall verantwortlich gemacht und vom Kartenverkauf für alle Fußballspiele in Frankreich ausgeschlossen hätte? Die FIFA wäre eingeschaltet worden, Frankreich aus dem internationalen Verband ausgeschlossen worden. Und womit? Mit Recht.

Was nun ist in Essen geschehen?

Tafel

In Essen hat – wie in ganz Deutschland – über Jahrzehnte die Bundesregierung im Auftrag des Kapitalismus die Armut gefördert. Kapitalismus funktioniert (einfach besser), wenn Menschen bereit sind aus Angst vor sozialem Abstieg und Armut jede noch so unsinnige und unbefriedigende Arbeit anzunehmen. Beteiligt waren an dieser Politik federführend SPD, Grüne, CDU/CSU und FDP. Von Staatsversagen könnte man hier übrigens nur reden, wenn die Entstehung eines Prekariats seinerzeit nicht (schon) von der ROT GRÜNEN Regierung Schröder quasi als Wirtschaftsförderung absichtlich vorangetrieben und generalstabsmäßig geplant worden wäre (und Schröder diese Absicht stolz verkündete). Es handelt sich bei der Entstehung von Tafeln also nicht um eine Reaktion auf angebliches „Staatsversagen“ sondern um die Reaktion auf einen bewussten Rückzug des Staates aus der Versorgung der Armen. Um eine Reaktion auf eine bewusste und systematische Produktion von Armen durch den Staat.

Irgendwann konnten das selbst die Kapitalisten nicht mehr mit ansehen und haben Almosen gespendet. Das macht die herrschende Klasse seit Alters her so, wenn sie die Armen von der Revolte abhalten will. Staatliche Armutsbekämpfung ist nämlich logisch mit Budget verbunden. Budget, das über Steuern von den Reichen zuvor hereingeholt werden muss. Mit Almosen kann man entsprechend diese Steuern vermeiden. Oder wie Pestalozzi es bereits an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert sagte: „Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade.

Natürlich musste auch jemand her, der die Almosen an die Armen verteilt. Das macht der Almosengeber heute nicht mehr selbst. Er gründet dazu einen „gemeinnützigen“ Verein. Der wiederum beschäftigt 1-Euro-Jobber mit der Verteilung der Spenden. So bleiben die Armen bei der Verteilung der Almosen unter sich und der Kapitalist muss das Elend, das er zwar nicht bekämpft (er ist ja nicht blöd) aber mindestens mit Almosen lindert, nicht selbst mit ansehen. Den gemeinnützigen Verein benötigt der Almosen-Kapitalist, weil die Tafel natürlich auch Einnahmen hat. Dort werden schließlich keine Güter und Lebensmittel an die Armen verschenkt, sondern Güter (wenn auch – oft stark – verbilligt) verkauft. Für diese Einnahmen will der mildtätige Kapitalist natürlich nicht zusätzliche Steuern bezahlen.

Flüchtlinge

Es wird behauptet, die bedürftigen Flüchtlinge, die ebenfalls an der (Essener) Tafel bedient wurden (kaufen durften), hätten keine „Anstellkultur“. Nun muss man vermutlich Deutsche sein, um „sich in einer Reihe anstellen“ und „Kultur“ in einem Wort in irgendeinen Zusammenhang zu bringen. Zumal diese Reihen strikt nach „First come, first serve“ und nicht nach Bedürftigkeit gebildet werden. Das dürfte in den Augen der Menschen, die Reihen fordern kein zusätzliches Problem sein. Denn in Deutschland ist ja auch „früh aufstehen“ und „zuerst da sein“, eine Kulturleistung. Es ist in diesem Zusammenhang natürlich wichtiger, dass adipöse, frühaufstehende Deutsche Laufwunder mit Gütern (Essen) versorgt werden, als abgemagerte, traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge. Sei’s drum.

In jedem Flughafen und an fast jeder größeren Sehenswürdigkeit ist man in der Lage, mit ein bisschen Flatterband dafür zu sorgen, dass jedem klar wird, hier ist Schlangestehen („Anstellkultur“) erwünscht und wird quasi mit physischen Barrieren erzwungen. Evtl. Würde es genügen, das in den Verteilstellen der Tafeln auch so zu machen oder gar einfach mal zu erklären, dass Anstehen erwünscht ist – egal von wem.

Ich stelle übrigens an der SB-Kasse beim real,- auch immer wieder fest, dass die „Anstellkultur“ der Deutschen selbst leidet. Da sind vier SB-Kassen, zwei rechts zwei links und eine Schlange. Immer wieder kommen ausgerechnet ältere Deutsche Frauen auf die Idee, sie könnten sich doch ganz vorne links neben diese eine Schlange stellen und postulieren, es gäbe jetzt zwei Schlangen. Eine für die beiden rechten und eine für die beiden linken Kassen und die Leute, die in der längeren rechten Schlange stünden, könnten ja einfach zu ihnen rüberkommen und sich hinter ihnen anstellen.

Vereinzelt hätten die Flüchtlinge in den Verteilstellen der Essener Tafel sogar Deutsche Frauen geschubst. <zyn>Das geht natürlich gar nicht. Ein Flüchtling darf in Deutschland niemanden schubsen und schon gar keine Deutschen Frauen. Das Rumschubsen von Frauen behält sich der Deutsche Mann, wie auch die Deutsche Frau seit jeher selbst vor.</zyn>

Natürlich müssen diese Fälle, in denen Deutschen Frauen offenbar bitteres Unrecht durch ausländische Horden zugefügt wurde (Achtung bitterer Zynismus) nicht – wie seinerzeit bei der WM in Frankreich – einzeln aufgeklärt werden. Natürlich werden auch nicht jene Personen, die dort „geschubst“ haben sollen, dingfest gemacht und vom Bezug von Gütern an der Tafel ausgeschlossen. Es interessiert am Ende auch nicht, welche Nationalität der „Täter“ war. War es ein Syrer, ein Afghane, ein „Nafri“ (wie der Deutsche Rassist einfach mal alle nicht weißhäutigen Bewohner Nordafrikas zusammenfasst)? Oder war es am Ende ein Deutscher ein Deutscher mit russischem Migrationshintergrund (Rassistendeutsch: Russlanddeutscher, Spätaussiedler)?

Das ist auch egal. Es war ein Ausländer, also mindestens kein „Arier“, der dort eine Deutsche Frau geschubst hat. Grund genug zukünftig ALLE (neu dazukommenden) Ausländer von den Almosen der Deutschen Kapitalisten auszuschließen.

Wenn wir uns beim Fußball einig waren, dann sind wir es auch hier: eindeutig Grenzrassismus. Ganz alltäglicher Grenzrassismus im Deutschland des 21. Jahrhunderts dazu. Alles Nichtdeutsche muss weg.

Wo bleibt jetzt die FIFA – ach, die ist hier gar nicht zuständig. Das Deutsche Finanzamt, das evtl. für die Aberkennung der „Gemeinnnützigkeit“ zuständig wäre, geht selbstverständlich nicht gegen die Almosenverteilvereine Deutscher Kapitalisten vor – schon gar nicht, wenn diese so brav Deutsch rassistisch sind

Konsequenz

Ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag von Kapitalisten Almosen verteilt, darf im Deutschland des 21. Jahrhunderts also mit behördlicher Erlaubnis rassistisch sein, ohne dass ihm die Gemeinnützigkeit aberkannt wird. Das wichtigste Argument: Außer denen würde es ja keiner machen. Und Du Kritiker: was tust Du eigentlich außer kritisieren? Verteilst Du auch Almosen? Tatsächlich mache ich – aber das tut hier nix zur Sache. Es gilt das gemeingültige Gesetz: Der Kritiker muss keine Eier legen können, damit er faule Eier kritisieren darf.

Rassismus (alltäglicher Rassismus zumal) ist ein Zustand, den gerade in Deutschland JEDER kritisieren darf, soll und MUSS der noch ein Stückchen Restverstand hat. Zumal dieser Rassismus gerade wieder Mehrheitsfähig zu werden scheint.

Fazit

Nein natürlich stimmt die Überschrift nicht. Essen ist als Stadt insgesamt nicht rassistisch (-er als andere Städte auch) und auch die Mehrzahl der Essener Bürger sind (hoffentlich noch) nicht rassistisch. Die Tatsache aber, dass der Vorstand des Vereins hinter der Essener „Tafel“ beschlossen hat, in Zukunft nur noch Deutschen Neuzugang zu seinem Angebot zu gewähren, ist Rassismus. Es ist Rassismus der kritisiert gehört. Er gehört so lange und intensiv kritisiert, bis die adipösen Rassisten an der Spitze dieses Vereins aus dem öffentlichen Leben in Deutschland vertrieben sind. Denn soviel muss klar sein: Rassisten haben im öffentlichen Leben Deutschlands nichts verloren auch nicht als Teile eines kapitalistischen Almosenverteilvereines.

Armer Mann und reicher Mann, standen da und sah´n sich an. Und der Arme  sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
Bert Brecht

 

Written by emden09

06.03.2018 um 12:41

Veröffentlicht in Allgemein

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