emden09

nie angepasst

Archive for November 6th, 2017

Adobe – die „hässliche Fratze des Kapitalismus“?

leave a comment »

Vorabbemerkung: Nein, ich bin kein Befürworter des Kapitalismus und ich bin auch keiner seiner Kritiker. Ich bin aber einer, der sich über die Menschen, die den Kapitalismus mehrheitlich wählen / wollen wundert.

Im Kapitalismus ist einer der wichtigsten anerkannten Kooperationsformen das kapitalistisch organisierte Unternehmen. Adobe ist ein solches Unternehmen. Dennoch ist der Aufschrei in der Gruppe der Nutzer der Softwareprodukte von Adobe jedes Mal groß, wenn eine neue Version auf den Markt kommt. Die einen beschweren sich über das „Abomodell“, weil sie lieber eine Kaufsoftware nutzen würden. Die anderen sehen gar ihre Dateien in Geiselhaft genommen oder glauben wie der Kommentator „sunrisemoon“ unter dem zuvor verlinkten Artikel Adobe benötige einen „Persilschein“ und würde andererseits die RAW-Dateiformate der Kamerahersteller hacken.

Jetzt mal ehrlich Leute, was läuft in Eurem Leben schief?

Es gibt ganz klar zwei Möglichkeiten.

Möglichkeit 1

Ihr benutzt eine Software, die von einem kapitalistischen Unternehmen zur Verfügung gestellt wird und bezahlt dafür Geld. Dann werdet Ihr akzeptieren müssen, dass dieses Unternehmen seine Produktpolitik (verfügbare Features und Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung oder Löschung aus dem Produkt) wie auch seine Marketingstrategie (z.B. Abomodell vs. Kaufsoftware) selbst bestimmt. Das kapitalistische Unternehmen wird sich dabei genau nach einem Faktor richten: Profitmaximierung. Und ja: zur Profitmaximierung gehört es auch, ab und an den Markt zu erforschen und Produktpolitik, wie auch Marketingstrategie so zu gestalten, dass die Kunden nicht Massenweise davonlaufen. Dabei gehört es selbstverständlich zum Kalkül des kapitalistischen Unternehmens, dass Nutzer einer Software eine Menge Geld und Zeit in den KnowHow –Aufbau investiert haben. Den Aufbau des KnowHow, wie sie die Software des kapitalistischen Unternehmens möglichst effektiv, produktiv und optimal nutzen. Dabei gehört es auch zum Kalkül des kapitalistischen Unternehmens Dateiformate zur Verfügung zu stellen, die es für den Benutzer möglichst attraktiv machen, die Software weiter zu nutzen und eine Migration auf eine andere Software nicht in Erwägung zu ziehen.

Nebenbemerkung 1: Adobe ist hier (wohl eher gezwungen durch das US-Amerikanische Verbraucherschutzrecht als aus kapitalistischem Antrieb) so „fair“ dateien in einem offenen, detailliert dokumentierten Dateiformate zu nutzen, auf die jeder Programmierer eines anderen kapitalistischen Unternehmens, wie auch jeder freie Programmierer uneingeschränkten Lese- und Schreibzugriff (z.B. für Migrationszwecke) nehmen kann.

Nebembemerkung 2: Wer Geld und Zeit investiert um KnowHow zur Nutzung einer proprietären Software eines kapitalistischen Unternehmens aufzubauen macht das freiwillig und im steten Wissen darum, dass er sich damit von der Produkt- und Marketingpolitik des Unternehmens abhängig macht. Wer hingegen sein Geld und/oder seine Zeit investiert, ohne sich dieser Problematik bewusst zu sein, hat vermutlich den Kapitalismus – den er mit einer gewissen hohen Wahrscheinlichkeit selbst gewählt hat und durch konkludentes Handeln permanent unterstützt, nicht verstanden. Hier wäre dann KnowHow-Aufbau zum Thema „kapitalistisches Wirtschaften“ angebracht.

Möglichkeit 2

Ihr benutzt eine Open Source Software (OSS). Alternativen zu den Adobe Produkten wären da z.B. Darktable (Statt Lightroom) oder GIMP (statt Photoshop) um nur die beiden bekanntesten zu nennen. Hier habt Ihr plötzlich das, was Ihr glaubt von Adobe fordern zu können: Einfluss auf die Produktpolitik. Ihr könnt investieren: Zeit, Geld, KnowHow, KnowHow-Aufbau, ohne den Kapitalismus durch Euer Verhalten zu fördern. Ihr könnt nach Herzenslust mitdiskutieren. Ja, wenn Ihr genügend KnowHow habt könnt Ihr sogar ein Feature, das durch die Community aus dem Hauptentwicklungszweig entfernt wurde selbst oder durch Freunde / Auftragsprogrammierer weiterentwickeln lassen oder gar einen Fork erzwingen, der ein komplett neues Produkt aus dem bestehenden, mit einem von Euch bestimmten Featureset beinhaltet.

Aber Vorsicht! OSS-Software mag in der Anschaffung kostenlos sein. Wer sie hingegen nutzt, wie die kostenlose Version, einer unter kapitalistischen Bedingungen erzeugten Softwarelösung (Lightroom, Photoshop) kann genauso gut gleich beim Kapitalismus bleiben.

 

Denn: die Programmierer einer OSS-Software müssen tatsächlich selbst ebenfalls unter kapitalistischen Bedingungen überleben. Auch wenn viele von diesen Programmierern einen Teil ihrer Freizeit beisteuern, um die OSS-Software weiterzuentwickeln, entstehen Kosten (z.B. Betrieb von Servern, Strukturierung und Unterstützung der Community, Internetanschlüsse usw.usf.). Ja, vieles davon sind Eh-Da-Kosten (also Kosten, welche die OSS-Entwickler ohnehin hätten, auch wenn sie nicht an der Software weiterentwickeln würden. Aber was wichtiger ist: die besten dieser OSS-Programmierer bauen (gerade im Bereich der Bildverarbeitung) ein ungeheures KnowHow auf, das sie für kapitalistische Unternehmen interessant macht. Sie könnten also über Kurz oder Lang dem „Ruf des Geldes“ erliegen. Und genau das geschieht mit nahezu jeder erfolgreichen OSS-Software früher oder später: Sie kann nicht mehr ohne die finanzielle Unterstützung eines kapitalistischen Unternehmens weiterentwickelt werden (schaut Euch dazu einfach Linux an).

D.h. würden die unzufriedenen Adobe-Benutzer sämtlich zu Darktable und GIMP wechseln und wären diese bereit, dort mindestens den Geldbetrag auszugeben, das Engagement zu zeigen, den sie zuvor der „Krake“ Adobe in den Rachen geworfen haben, dann könnten diese Produkte besser werden. Geld ausgeben heißt hier selbstverständlich nicht nur für die Anschaffung  der OSS-Software spenden. Geld ausgeben heißt hier VORALLEM auch: Zeit und Geld zu investieren, um KnowHow für die Benutzung dieser OSS-Produkte aufzubauen. UND auch: Zeit und Engagement in den Aufbau, die Pflege und die Diskussionen der Community zu investieren.

Viele kritisieren und was viele vom Wechsel zu den OSS-Alternativen abhält: „Die sind halt nicht so gut wie Lightroom und Photoshop“. Ja. Und warum nicht? Weil Ihr seid Jahren einem kapitalistischen Unternehmen Geld gebt, mit Hilfe dessen deren Produkte verbessert werden, ohne dass Ihr einen Einfluss darauf habt.

Fazit:
Meine Meinung: nehmt entweder Eure, Zeit, Energie und Euer Geld und gebt es für etwas aus, das Ihr tatsächlich beeinflussen könnt oder werft es einem kapitalistischen Unternehmen in den Rachen und findet Euch damit ab, dass vielleicht etwas herauskommen könnte, dass auch Euch nutzt (was vermutlich nur dort der Fall sein wird, wo Ihr zum Mainstream der Nutzer gehört). Im letztgenannten Fall ist jedoch nicht alleine Adobe die hässliche Fratze des Kapitalismus! Nein die „hässliche Fratze des Kapitalismus“ ist in diesem Fall eben und gerade auch Euer Konsumverhalten.

Written by emden09

06.11.2017 at 10:19

Veröffentlicht in Allgemein

%d Bloggern gefällt das: