emden09

nie angepasst

Berufsfotografen

with one comment

Unter meinen Facebook-„Freunden“ sind welche, deren Welt sich verändert. „Ach? So?“, „Hab ich ja noch nie was von gehört.“ oder „Wir Deutschen sind doch so Änderungsresistent.“, werden einige von Euch ironisch anmerken. Leider ist es nicht so einfach. Würde ich diese Menschen nur von Facebook kennen, könnte ich es mir evtl. so leicht machen, mit eben dieser Ironie darüber hinwegzugehen. Jedoch kenne ich einige dieser Menschen auch persönlich. Da möchte ich nicht so einfältig wegsehen.

 
Ich finde es schlimm wenn Menschen Veränderung nicht annehmen können. Wenn der Wandel aus ihrer Sicht ihre „Welt“ zerstört. Besonders schlimm, wenn sie glauben „Schuldige“ gefunden zu haben. Das Stadium, mit dem ich mich im Moment zu beschäftigen habe: Das, in dem diese Menschen nur noch lamentieren (können oder wollen). Der Punkt an dem es nicht mehr darum geht, zu ergründen „Wie könnte ich mit der neuen Entwicklung der Dinge umgehen?“ oder „Wie könnte ich mich so neu erfinden, dass ich in dieser veränderten Welt zurechtkomme?“.

 
Ich selbst bin gelernter Buchhändler. Dort hatte ich schon vor mehr als 30 Jahren einen Riesenkrach. Im „Fachblatt“ „Buchmarkt“ hatte ich behauptet, das Hauptproblem vieler Buchhändler sei, dass sie nicht einsähen, was schon das Wort Buchhandel vorgebe. Es geht im Buchhandel nur zu 40% um „Buch“ und zu 60% um „Handel“. Nein, viele Buchhändler (von damals) waren ihrem Selbstverständnis nach „Schöngeister“, „Intellektuelle“. Sie meinten, sie hätten die Aufgabe eine Auswahl an guter Literatur für andere schöngeistige Intellektuelle bereitzuhalten. Solche eben, die hoffentlich bereit waren, diese Auswahl zu schätzen. Man hatte mit denen vortrefflich mit über die Inhalte und den großen Geist der Schriftsteller zu parlieren. Danach hatten die einfach den Geldbeutel zu öffnen, um einen Großteil dieser Auswahl zu kaufen. Am Horizont drohte der Versandhandel (in der späteren Ausprägung: Amazon). Ich hatte es gewagt, für die Buchhandlung in der ich gelernt hatte eine kleine Software zu schreiben. Das daraus folgende Zeugnis führte dazu, dass ich in jeder zukünftigen Buchhandlung nur noch für die Programmierung der Computer „missbraucht“ wurde.

 
Mit wurde nicht wirklich schnell klar, wos lang ging. Erst nach der dritten Stelle in der dritten Buchhandlung oder so dämmerte es. Mit dem Programmieren von Computern konnte ich mehr und bequemer Geld verdienen, wenn ich es nicht als schlecht bezahlter Buchhändler sondern als Programmierer machen würde. So machte ich das Programmieren von Software zu meinem Beruf. Nein, eigentlich machte ich Schulungen zu meinem Beruf. Denn es stellte sich schnell heraus, dass es noch lukrativer und interessanter war, all den Menschen, die in jenen Tagen in die IT strömten, beizubringen, wie man Computer programmiert, statt es selbst zu tun.

 
Plötzlich war 1989. Der Fall der Berliner Mauer war für das Geschäft der Schulung von Programmierern eine vorhersehbare Zäsur. Denn es fiel ja nicht nur die Berliner Mauer. Innerhalb kürzester Zeit zerfiel der ganze (damals sogenannte) „Ostblock“. Menschen aus Ungarn, der Ukraine oder Lettland, die bisher keine Chance gehabt hatten zu reisen, nutzten die neue Gelegenheit. Viele kamen in den folgenden Jahren mit Touristenvisa ins Land. Sie waren gute Verkäufer. Akquirierten hier Programmieraufträge und nahmen sie mit „nach Hause“. Dort war damals das Leben noch viel, viel billiger als bei uns. So konnte bei einem späteren Besuch ein „fertiges“ Softwareprodukt zu einem „Spottpreis“ abgeliefert werden. „Nearshoring“ nannten sie es in der IT. Kurz: Das Geschäft Programmierer in Deutschland zu schulen neigte sich langsam (über viele Jahre) aber sicher dem Ende zu. Was tun? Wie schon im Buchhandel mochte ich es nicht, einem Geschäft beim Sterben zuzusehen. Das Reiten toter Pferde ist nicht so meins.

 
Ich möchte Euch nicht mit den folgenden 25 Jahren meiner Lebensgeschichte langweilen. Aber ich darf Euch versichern, es folgten noch viele grundlegende Veränderungen. Jede von ihnen bot mir Chancen. Manche, die ich nicht sofort erkannte. Manche, die ich nicht nutzen wollte (SAP war so eine). Und einige, die ich nutzte. Immer wieder habe ich versucht dabei die Menschen mitzunehmen, die um mich herum noch nicht bereit waren Änderungen in ihre Leben zu lassen. Immer wieder habe ich dabei auch Menschen in meinem Leben verloren, weil sie nicht weitergehen, nicht mitgehen wollten. Am meisten lassen mich dabei bis heute die verzweifeln, die scheinbar „hilflos“ dastehen. Mit den Armen rudern und auf andere zeigen, die an der Veränderung schuld seien. Es macht mich immer noch ratlos, wenn jemand nur „meckern“ will, statt in Diskussionen Lösungen für sich zu finden.

 
Liebe Berufsfotografen, viele von Euch „Profis“ reiten ein totes Pferd. Es wird Zeit die Veränderung, die Ihr eh nicht aufhalten könnt anzunehmen. Wenn Ihr als Fotografen weiter arbeiten und Geld verdienen wollt, müsst ihr Euch – Euer Geschäftsmodell verändern. Es gibt hunderte Ideen, wie das gehen kann. Hunderte davon sind schon umgesetzt. Ihr könnt Euch also auf eines von vielen Quicklebendigen Pferden setzen und weiterreiten ohne eine einzige eigne neue Geschäftsidee zu entwickeln.

 
Wenn Ihr allerdings auf Eurem toten Pferd hocken bleiben und lamentieren wollt, kann ich Euch nicht daran hindern. Wenn Ihr Amateur- oder Hobby-Fotografen dafür verantwortlich machen wollt, dass Euer Pferd tot ist, kann ich Euch auch daran nicht hindern. Stunk gegen andere zu machen wir aber Euer Geschäftsmodell so wenig retten, wie das der Tante Emma Läden, der Qualitätsjournalisten oder der Heizer auf Dampflokomotiven. Wobei ich zu bedenken geben möchte, dass es eher die – durch omnipräsente Handykameras veränderten Sehgewohnheiten sind, die Euch zu schaffen machen als die Amateurfotografen. Es existiert dadurch eine derartige Flut an Bildern, dass es wirklich schwer wird sich mit qualitativ hochwertigen Fotografien durchzusetzen. Wie man sich diese veränderten Sehgewohnheiten zu Nutze machen könnte muss ich keinem von Euch erklären – oder? Ein geschultes Auge könnte andere Augen schulen – um nur mal ein Beispiel zu nennen. Es gibt Lösungen für Euer Problem. Meckern und Lamentieren ist keine. Niemand ist „schuld“, dass sich Eure Welt verändert hat, außer vielleicht der Zukunft, die ändert ja bekanntlich immer alles. Wollt Ihr vielleicht dieses Mal die „Zukunft“ sein?

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Written by emden09

03.11.2016 um 09:51

Veröffentlicht in Allgemein

Eine Antwort

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  1. Klasse geschrieben und eigentlich auf alles und jeden anwendbar.

    Gefällt mir

    Daniel

    08.11.2016 at 10:58


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