emden09

nie angepasst

Wir haben nix zu verbergen

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Stilblüte vom heutigen Tage.

In Neuss ist zur Zeit Wahl des Bürgermeisters und des Landrates angesagt wie (soweit ich weiß) in ganz NRW. Für „Briefwähler“ sind im Wahlamt Wahlkabinen aufgestellt. Davor stehen noch ein paar Tische, an denen man ohne den Schutz der Wahlkabine (der für diesen Vorgang auch nicht nötig ist)  den Antrag auf Briefwahl ausfüllen kann. Dort gibt es einen großen Aushang, der dazu auffordert zu Wahrung des Wahlgeheimnisses an diesen Tischen nur die Anträge nicht aber die Wahlscheine (wählen!) auszufüllen.

Einem älteren Pärchen ist das wurscht. Sie setzen sich. packen die Wahlunterlagen aus wie Wurschtsemmeln und unterhalten sich lautstark über jeden Wahlvorschlag und was sie ankreuzen. Sie tun das (ankreuzen = wählen) dann auch öffentlich. Einem Mitarbeiter des Wahlamtes wird das zu bunt. Er geht hin und wagt es die beiden vorsichtig und freundlich auf den Aushang und das Wahlgeheimnis hinzuweisen.

Ach junger Mann, wir haben nix zu verbergen, wir wählen schon seit 50 Jahren gemeinsam CDU„, schallt es ihm in typisch Neusser Mundart entgegen.

Der junge Mitarbeiter des Wahlamtes ist nicht auf den Mund gefallen: „Dann muss ich Ihnen jetzt leider die Wahlunterlagen wegnehmen. Denn durch Verletzung des Wahlgeheimnisses haben sie automatisch „ungültig“ gewählt“.

Was die beiden alten Herrschaften jetzt aufführen könnte trotz fehlender Sympathisanten im Wahlamt schnell in einem gewalttätigen Tumult ausarten. Der junge Wahlamtsmitarbeiter macht dann auch einen Rückzieher, als die beiden wenigstens den zweiten Stimmzettel in einer Wahlkabine ausfüllen und die laute Unterhaltung einem leisen, aggressiv zischelnden Tuscheln gewichen ist.

Schade denke ich. Wieder werden zwei ungültige Stimmen im Rhein-Kreis-Neuss für die CDU gezählt. Der Mann hätte es durchziehen sollen!

Ja, ja, die Wahlen und das Wahlgeheimnis. Freie, gleiche und *geheime* Wahl. Nicht jedem ist offenbar klar, dass geheim wählen nicht nur ein Recht sondern eben auch eine Pflicht ist. Denn auch eine öffentliche Wahl – also aktive Verletzung des eigenen Wahlgeheimnisses im Wahllokal – könnte zu einem Gruppendruck führen, der die „geheime“ Wahl als Recht des einzelnen aushebeln würde, sobald seine Peergroup (z.B. Freundeskreis, Stammtisch, Verein, Nachbarschaft, Firma) sich entschlösse massenhaft gemeinsam öffentlich zu wählen.

Ich bleibe dabei: demokratisches Selbstverständnis ist in Deutschland unterentwickelt. Das zumindest hätten die beiden verbergen können! Darüberhinaus fordere ich weiterhin: „jeder der ’nix zu verbergen‘ hat, gehe ab sofort nackt auf die Straße!“

Dass „Die Linke“, „Bündnis90 die Gründen“, Piraten und SPD für die Wahl des Landrates mit einem einzigen GEMEINSAMEN Kandidaten antreten dürfte die zweite Stilblüte des Tages sein. Daneben beleben noch ein Kandidat der CDU und einer des Zentrum.

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Written by emden09

02.09.2015 um 18:16

2 Antworten

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  1. es ist schon merkwürdig wie mit Wahlgepflogenheiten umgegangen wird. In einem unserer vorherigen Wahlbezirke standen die Wahlkabinen immer offen zum Funster, dass man von aussen einsehen konnte wie gewählt wurde. Ich habe das regelmäßig moniert und es wurde dann mürrisch umgestellt. Genauso habe ich Bleistifte mit der Frage ob auch genügend Radiergummis bei der Wahlauszählung zur Verfügung ständen kommentiert. Ich habe selbst immer einen Kugelschreiber in der Brusttasche….

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    thomrosenhagen

    03.09.2015 at 00:01

    • Als ich (Anfang der 80ger) zum ersten Mal wählen durfte erinnerte mich an das recht der Bürger die öffentliche Auszählung zu beobachten. Der nach eigener Aussage bereits seit 20 Jahren in diesem Wahlbezirk amtierende Wahlvorstand erklärte mir, dass diese ein sehr außergewöhnliches aber legales und legitimes Anliegen sei. Ich sei in 20 Jahren der erste Bürger, der in diesem Wahlbezirk (in einer nicht gerade kleinen Stadt NRWs) die Auszählung beobachten wolle.

      Danach habe ich mir ein paar Jahre lang (bis nach Ende von Ausbildung und Studium) bei Wahlen als Wahlhelfer ein kleines Taschengeld dazuverdient. Es kam tatsächlich in keinem der Wahllokale in denen ich bei ca 10 Wahlen im Einsatz war jemals ein Bürger vorbei um die öffentliche Auszählung zu beobachten.

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      emden09

      03.09.2015 at 09:07


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