emden09

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Entfremdung von der Natur?

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Es gibt da Menschen, die behaupten, die Menschheit sei von der Natur „entfremdet“.

http://www.geistundgegenwart.de/2013/12/einfach-nur-schauen.html

Natürlich wird so eine Behauptung als Postulat ohne Argumente in den Raum gestellt. So ist das nun mal bei Allgemeinplätzen und Vorurteilen. Was jeder am Stammtisch mit „gesundem Menschenverstand“ weiß, braucht keinen Beleg. Nur habe ich eigentlich schon keine Lust mehr weiterzulesen, geschweige denn zu diskutieren, wenn schon die Ausgangsthese eines Beitrages fragwürdig ist und im Beitrag selbst ohne Belege bleibt. Darum hier eine Antithese.

Menschen sind Teil der Natur, existieren nur als Natur, werden und sind durch Natur und werden am Ende wieder zu Natur.

Meine Argumente.

Weil wir hier im industrialisierten Westen nicht mehr halbnackt durch die Wälder laufen und unter Bäumen schlafen ist also die Menschheit von der Natur entfremdet? Gut, lassen wir das, reden wir nicht über die Menschheit, reden wir über uns hier im industrialisierten Westen. Wir sind von der Natur entfremdet?

Ja richtig. Es gibt Kinder, die wissen nicht, wie ein totes Tier aussieht, die kennen nur die Wurst. Aber auch diese Kinder wissen, wie eine Tomate, eine Erdbeere oder eine Banane ausschaut. Sie wissen vielleicht nicht, an welcher Staude, an welchem Strauch oder auf welchem Baum die Frucht wächst. Aber natürlich ernähren sie sich von diesem Teil der Natur. Zu behaupten, diese Kinder seien von der Natur entfremdet, wäre ebenso wirklichkeitsfern wie zu behaupten, sie seien von der Technik entfremdet. Denn natürlich benutzen diese Kinder wie selbstverständlich eine Spielekonsole, ohne jemals eine Programmiersprache erlernt oder Bits und Bytes in Prozessorregistern hin und hergeschoben zu haben. Diese Kinder wären dann auch vom TV entfremdet, denn die meisten von Ihnen waren nie in einem TV-Studio und haben nie die Produktion eines ((Zeichen-)trick-)Films gesehen obwohl sie diese wie selbstverständlich konsumieren.

Wir alle ernähren uns aus der Natur – größtenteils. Selbst eine Pizza mit Analogkäse, ja sogar die Lasagne mit Pferdefleisch besteht zum größten Teil aus Natur. Es werden hier und dort (großenteils aus Natur – Rohöl) künstlich produzierte Gewürze und Aromen und Zutaten eingesetzt – ja in fast jedem industriell verarbeiteten Naturprodukt sind diese vorhanden. Es schmeckt dadurch anders, hat eine andere Konsistenz – ich persönlich mag dieses Industriefood nicht einmal. Aber ist ein Mensch, der es mag schon von der Natur entfremdet. Dann waren unsere Vorfahren vor zigtausenden von Jahren schon von der Natur entfremdet. Denn auch sie verarbeiteten Lebensmittel vor dem Verzehr bis zur Unkenntlichkeit von Aussehen und Geschmack. Salz, Pfeffer, Trocknung, Säuerung, Kochen und Braten entfremden unser Essen nicht stärker von der Natur als Glutamat, Antioxidantien, Backpulver oder Emulgatoren.

Übrigens beim Bier, da achten wir seit Jahrhunderten auf das „Reinheitsgebot“! Saufen entfremdet uns also nicht von der Natur?!

Sind wir von der Natur entfremdet? Im Gegenteil, wir können ohne die Natur nicht überleben. Und ich werde als Beispiel noch einmal auf die Nahrung zurückgreifen. Im Zuge des weltweiten Bienensterbens wird nicht deshalb fieberhaft nach den Ursachen gesucht, weil alle Welt die Bienen so lieb hätte. Es werden Hungersnöte – eben auch in unseren Industrieländern befürchtet, für den Fall, dass nicht mehr genug Blüten bestäubt werden. Alleine dieses Beispiel, dass wir zum größten Teil nicht werden überleben können, wenn Bienen aussterben und Blüten nicht mehr bestäuben (wichtige, wesentliche Vorgänge in der Natur zu ihrem Erhalt und ihrer Fortpflanzung!) macht klar, wir sind nicht von der Natur entfremdet, wir sind Teil der Natur und können und werden ohne Natur nicht überleben.

Und weil wir gerade bei Fortpflanzung sind: Gerade, dass unsere Fortpflanzung auch im industrialisierten Westen sicher nicht funktionieren würde, wenn die Mehrzahl der Zeugungen nicht auf natürlichem Wege zustande käme, macht klar: wir werden und sind nur durch Natur. Und am Ende werden wir wieder zu Natur.

Verlassen wir den Bereich der Nahrung. Schauen wir nach Serbien, das ich in den letzten Jahren mehrfach besuchte. Dort gilt, besonders für Hausfeuerungsanlagen noch keine Schadstoffverordnung. Das heißt die Menschen z.B. in Valjevo verfeuern alles, das ihnen verspricht ihre Häuser warm zu machen. Das Ergebnis: für unsere westlich verwöhnten Nasen unerträglicher Smog. Sind wir deshalb von der Natur entfremdet? Sind wir von der Natur entfremdet, weil wir Gesetze haben, die verhindern, dass Heizungsanlagen die Luft unkontrolliert mit Schadstoffen verpesten? Im Gegenteil. Es gibt diese Schadstoffverordnungen, weil wir Teil der Natur sind. Weil wir im Smog der Städte nicht überleben könnten. Weil wir ohne Wälder, die vom sauren Regen umgebracht werden, nicht atmen könnten, weil wir ohne das Filterwerk ihrer Wurzeln und das Verdunstungswunder ihrer Kronen kein sauberes Trinkwasser bekämen. Nein, selbst in unseren elementarsten Bedürfnissen: atmen, essen, trinken sind wir weiterhin auf Natur angewiesen – sind Teil dieser Natur unseres Planeten. Würden wir den Sauerstoffgehalt unserer Atemluft nur um wenige Prozent verringern, wäre schnell klar, wie sehr wir Menschen Teil der Natur und durchaus nicht von dieser entfremdet sind.

Kommen wir zur industriellen Produktion, zur Kleidung. Ja, die meisten von uns tragen Kleidung mit einem gewissen Anteil an künstlich produzierten Fasern. Selbst die Fasern aus Naturmaterialien wie Baumwolle, Schurwolle und Leinen werden in industriellen Prozessen so verfeinert und veredelt, dass wir alle heute Stoffe tragen können, die in dieser Menge und in diesem grad von Verfeinerung noch vor wenigen hundert Jahren nur Kaisern und Königen (also Menschen, die andere beraubten) zur Verfügung standen. Und ja, auch wir berauben wenn wir diese Kleidung tragen andere Menschen, um so leben zu können. Kinderarbeit und Sklavenarbeit in Teilen der Welt machen diese Art von Konsum erst möglich. Aber sind wir von der Natur entfremdet, weil wir unsere Kleidung nicht mehr selbst herstellen, weder die Fasern noch die Stoffe und Gewebe? Evtl. sind die Werktätigen, wie Marx postulierte, die unsere Kleidung herstellen vom Produkt ihrer Arbeit entfremdet – ehrlich gesagt, ich weiß nicht einmal welche Art Kleidung diese Menschen tragen. Aber so herum würde ein Schuh daraus. Sobald aber eines Tages Rohöl knapp wird, werden wir spätestens lernen, wie sehr selbst unsere Industriefasern von der Natur und der Verfügbarkeit der natürlichen Ressourcen dieser verrotteten Urwälder abhängen. Also sind wir auch in dieser Beziehung nicht nur Teil der Natur sondern auch hier abhängig von natürlichen Ressourcen.

Wetter? Wozu würden wir Wettervorhersagen und Wetterberichte benötigen, wenn wir von der Natur entfremdet wären. Wozu gen Himmel sehen, bevor wir das Haus verlassen? Wozu alte Bauernregeln: „Kräht der Hahn auf dem Mist ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“ (sorry Scherz) auswendig lernen, um unsere Saten auszubringen und unsere Winterwäsche in den Keller zu räumen?

Krankheiten? Es gibt Menschen, die behaupten, die Menschheit sei die schlimmste Krankheit, die diesen Planeten je heimgesucht habe. Andere behaupten gar, unser Leben sei eine sexuell übertragbare Krankheit. Ja, wir bedrohen Teile der Natur. Aber wir sind ein Teil der Natur, der einen anderen Teil der Natur bedroht. Zu behaupten, wir seien von der Natur entfremdet ist Unsinn. Es ist so unsinnig wie zu behaupten, wir seien von Politik, Computern, TV, Telefonen, Kfz und Häusern entfremdet nur weil wir nicht mehr jede einzelne Entscheidung jeden einzelnen Schalter, jede einzelne Funkwelle selbst begreifen und auslösen.

Nein, wir entfremden uns nicht von der Natur, weil wir Mauern und Dächer bauen um uns vor Wind und Wetter zu schützen. Wir entfremden uns nicht von der Natur der Tiere, wenn wir ihre Zucht, Schlachtung und Verarbeitung speziellen Industriebetrieben überlassen. Wir entfremden dadurch vielleicht diese Tier von der Natur, die sie nicht in dieser Zahl und industriellen „Güte“ „produzieren“ würde aber unser Konsum an Fleisch, Eiern, Milch und Käse aber eben auch an Gemüse, Wurzeln, Tees und Kräutern (welche großen teils auch industriell produziert werden) kann nur funktionieren, so lange Natur existiert und wir als Teil dieser Natur.

Wie wenig wir von der Natur entfremdet sind machen am Ende gerade die Menschen klar, die am weitesten von ihr entfernt sind. Die Astronauten auf der ISS. Würden diese Astronauten nicht von der Erde aus mit Produkten aus der Natur versorgt, die Ihre Atmung, Ernährung und Gesundheit gewährleisten, könnten sie – nur wenige hundert Kilometer von der Natur entfernt nicht überleben. So wenig entfremdet sind selbst diese Astronauten, die vermutlich die am wenigstens natürlichen Lebensbedingungen von allen Menschen haben, von der Natur.

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Written by emden09

25.10.2014 um 10:02

Veröffentlicht in Allgemein

3 Antworten

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  1. Hat dies auf WSB rebloggt und kommentierte:
    Ich kann den Argumenten folgen und ihnen zustimmen. Wir sind nicht entfremdet, sondern gehen davon aus, dass wir die Natur nicht brauchen. Das ist diese Selbstherrlichkeit, mit der wir Menschen unserer Umwelt entgegentreten und schlicht vergessen, dass wir ohne das alles nicht existent wären. Wir können uns nicht entfremden, wenn wir das täten, wären wir tot.

    Gefällt mir

    Westsideblogger

    25.10.2014 at 11:44

    • Völlig richtig, dass wir nicht ohne Natur können. Das ist unstrittig. Das Wort „Entfremdung“ ist hier im Text jedoch falsch benutzt. Entfremdung ist keine körperliche Kategorie (im Sinne von „wir können ohne Natur leben“), sondern äußert sich eben in mentalen Dimensionen, wie z.B. das nicht zur Kenntnis nehmen, dass Natur und Mensch nicht zu trennen sind oder das nicht mehr sehen und wahrnehmen von Natur.

      Das heißt unter dem Strich: Wir können von der Natur entfremdet leben (z.B „naturvergessen“), obwohl wir auf sie angewiesen sind und selbst sogar Natur sind. Genau im Vergessen oder Ausblenden unserer Abhängigkeit von und unserer Identität mit der Natur besteht die Entfremdung.

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      Gilbert Dietrich

      26.10.2014 at 11:37

  2. Dein Kernargument hier steht bereits in dem von dir verlinkten Text in dem Absatz mit der Überschrift „Unser Gefühl der Entfremdung von der Natur“:

    „Obwohl wir ganz strikt gesagt von der Natur gar nicht abgetrennt sein können, denn wir sind immer in der Natur, wir sind ein Teil von ihr. Wir bestehen aus Natur. Und trotzdem ist das Gefühl der Entkopplung und Entfremdung von der Natur in uns sehr überzeugend, das Gefühl von Distanz zur Natur und Vertreibung aus ihr ist überwältigend.“

    Es besteht also gar keine Uneinigkeit darüber (daher ist auch keine Antithese zu entdecken), dass wir Natur sind und dass es darum um ein „Gefühl der Entfremdung“ gehen muss. Ich fürchte also, dass uns dein langer Text keinen Millimeter einer Erkenntnis entgegengebracht hat, die über das hinaus geht, was der Artikel selbst sagt, den du kritisieren möchtest.

    Was mir aber auffällt: Dein Text ist frei von jeglichem Verständnis dessen, was „Entfremdung“ als philosophische und soziologische Kategorie überhaupt meint. Vielleicht kann ich dir zur Einführung den Artikel Willkommen in der Entfremdung ans Herz legen. Hier wird erklärt, was der Begriff meint und dass wir Menschen (wir sind nämlich nicht NUR Natur, aondern AUCH Kultur) nicht ohne Entfremdung auskommen. Sie ist notwendiges Übel und Segen zugleich (vergleiche hier die Schriften von T.W. Adorno mit denen von Arnold Gehlen).

    Übrigens habe ich vor Jahren während meines Studiums den Artikel „Entfremdung“ in der deutschen Wikipedia angelegt, der sich seit dem durch kollaboratives Schreiben immer weiterentwickelt und verbessert (und damit im Marx’schen Sinne von mir entfremdet) hat. Den kann ich auch empfehlen, wenn du mehr dazu wissen willst.

    Gefällt mir

    Gilbert Dietrichg

    25.10.2014 at 13:47


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